04/20/2016 - Die Flatterulme von Hanau

Hier flattert sie vor sich hin

Bereits vor einigen Wochen hatten wir unser erstes Rugby-Turnier unter freiem Himmel. Es kam, wie es kommen musste: "Du kennst das doch vom Fußball her. Könntest Du bitte den Spielbericht machen." Wie sich sehr schnell herausstellte, versteht man im Rugby zwar etwas vollkommen anderes als im Fußball darunter, aber auch das habe ich gerade noch geschafft. Beim nächsten Turnier am vergangenen Samstag in Heusenstamm wollte ich eigentlich gar nicht dabei sein, alldieweil ich unsere Rugby-Herren nach Luxembourg begleiten wollte. Ein Blick aus dem Fenster am Samstag Morgen ließ mich jedoch von diesem Unterfangen Abstand nehmen. Vor Ort wurde ich dann gar nicht mehr gefragt, sondern erhielt stillschweigend eine Klarsichthülle mit dem Spielplan. Die Hülle war auch verdammt notwendig, denn der Regen hatte nicht nachgelassen. Der U12-Jahrgang ist immer am schlechtesten belegt, man trifft eigentlich immer nur auf den RK Heusenstamm und SC 1880 Frankfurt mit mehreren Mannschaften, wohingegen in den anderen Altersklassen auch andere Vereine mitmischen. Zu allem Überfluss fielen krankheitshalber noch Kinder aus, sodass uns andere Teams aushelfen mussten. Die ersten Spiele gegen Heusenstamm und Frankfurt gingen knapp verloren, wobei wir in der zweiten Hälfte jeweils gleichwertig waren. Im dritten Spiel kam dann ein echter Einbruch. Nicht nur, dass es eine derbe Klatsche gab, auch verletzte sich einer unserer Spieler, sodass wir uns letztendlich vor dem letzten Spiel aus dem Turnier verabschiedeten. Beeindruckend ist immer die Zuschauerkulisse, mit knapp 250 insgesamt waren ca. doppelt so viele Zuschauer zugegen wie bei ähnlichen Fußball-Turnieren. Das Catering war ambivalent. So gut der Kuchen war, so schlecht war der Lidl-Kaffee. Pünktlich zum Ende fing die Sonne an zu strahlen, und ich entschied mich kurzfristig zu einem Abstecher beim Heusenstammer Schloss. Außer einer Hochzeitsgesellschaft, deren Fotograf das Ambiente für romantische Fotos ausnutzen wollte, störte mich niemand. Ausnahmsweise lag daheim das Offenbach Journal im Briefkasten. Mit der Meldung, dass heute der Senefelder Park eröffnet werden sollte. Ich also hin. Gottchen, war das voll. Sicher recht nett gemacht, aber doch kein echter Point of Interest. Bin mal gespannt, wann der erstmals zerstört oder zumindest vollgesudelt sein wird. Fußball entfiel an diesem Wochenende, da am Sonntag Nachhilfe geleistet wurde, aber es reichte wenigstens noch für einen romantischen Ausflug zum Schloss Philippsruhe in Hanau, wo wir vor dreizehn Jahren unsere gestellten Hochzeitsfotos gemacht hatten. Eingedenk der behämmerten Hanauer Parkplatzsituation ließen wir den Wagen an der Mühlheimer Staustufe stehen und trabten zu Fuß rüber. Dabei auch erstmalig die dortige berühmte Flatterulme gesehen. Was für ein beeindruckender Baum! Aber auch sonst ist der Baumbestand am Main entlang und im Schlosspark sehr heterogen. Eine Sache muss ich noch loswerden beim Stichwort Hochzeitsfotografie. Auch unser Büsingpalais eignet sich als Kulisse für schöne Fotos. Irgendwann in der vorletzten Woche war es Schauplatz einer größeren Hochzeitsgesellschaft mit osteuropäischem Hintergrund. Und schon bei der Hochzeit war sich das Brautpaar derartig uneinig über die Fotoinszenierung, dass es in einen handfesten Streit ausartete. Die verschiedenen Fraktionen prügelten sich zwar nicht, aber die Wagen mit Rheinland-Pfalz-Kennzeichen machten sich schnell vom Acker. Wenn das Eheleben ähnlich wird wie die Hochzeit, wird es denen garantiert nie langweilig.

Bei meinen Hochhaus-Fotos sehe ich doch langsam Licht am Ende des Tunnels. Am Freitag standen Rödelheim und Sossenheim auf dem Programm. Im erstgenannten Stadtteil war ich total perplex, als ich plötzlich vor der TSG Vorwärts Sport- und Freizeitanlage stand. Davon hatte ich noch nie gehört. Sollte ich aber, da es der Trainingsort der Eintracht-Rugby-Abteilung ist. Der Kunstrasen des Nebenplatzes wird derzeit erneuert. Kurzer Abstecher zum Stadion am Brentanobad (endlich fertig) und zum Brentanopark (hier würde ich gern mal über das Stauwehr gehen); der Solmspark wird demnächst dokumentiert werden. Nach Sossenheim nahm ich den 55er. Was für ein Scheißbus. Obwohl Gelenkbus, brechend voll. Und so langsam, dass ich per pedes wahrscheinlich schneller gewesen wäre. Zu allem Überfluss musste noch ein Umweg über Eschborn genommen werden. Für großes Gelächter sorgten wenigstens die Durchsagen des Fahrers, dessen Deutschkenntnisse sich auf maximal dreißig Wörter beschränkten, er aber viel mehr zum Ausdruck bringen wollte. Die Hochhäuser in der Sender- und Dissmann-Str. bieten durchaus Banlieu-Feeling pur, den Höhepunkt bildet aber das in der Julius-Leber-Str. Fernab vom nächsten Busstopp - die Nahversorgung übernimmt ein türkischer Supermarkt - erhebt sich ein Beton-Solitär aus einem Meer der Nachkriegsarchitektur. In einem Film würde ich so ein Bild als unglaubwürdig abtun. Auf meinem ganzen Sossenheimer Streifzug erlebte ich gerade mal zwei deutsch sprechende Zeitgenossen. Aber eigentlich waren alle nett, passte überhaupt nicht zu Horrorgeschichten, die über Sossenheim kursieren. Weniger nett war es dann abends in Obertshausen-Hausen. Während des Trainings wollte ich ein paar Fotos von der Rathaus-Umgebung machen. Das passte einigen älteren Deutschen (deutsch im Sinne von Höcke als Nachfahren herumziehender Kesselflicker) nicht, die mich dann pausenlos ankeiften (man sollte mich umbringen und was nicht alles für Sprüche) und durchs Motiv rannten, aber wenigstens nicht handgreiflich wurden. Wo hat man die bloß losgelassen? Ich bin zu 98% überzeugt, dass es sich tatsächlich um AfD-Kandidaten handelte.

Durch Verlegung der Trainingszeiten bin ich mehr oder weniger gezwungen, einige Kinder von der Offenbacher Schule zum Obertshäuser Platz zu fahren - und das zur Hauptverkehrszeit, wo sich in dieser Richtung alles staut. Diesmal nahm ich die Rhönstraße, wo ein schwarzer BMW mit OF CR 914 alles zeigte, was man in der Fahrschule nicht lernt. Was uns zu einem weiteren Kapitel von "Was man heute alles auf die Straße lässt" führt. Also Blinken ist sowieso was für Loser. Permanente ruckartige Fahrspurwechsel sind Pflicht - wie die Hadsch. Dass es hier nicht geknallt hat, ist der Aufmerksamkeit anderer Fahrer (z.B. ich) geschuldet. Durchgezogene Linien? Für'n Arsch. Und warum nicht auch die beiden Fahrspuren für den Gegenverkehr benutzen? Wofür sonst gibt es die Lichthupe? Es war ganz großes Kino in 3D. Und an der Kreuzung Waldstraße stand er dann wieder neben mir.Ein Angehöriger der Bevölkerungsgruppe, die man lt. Herrn Rose nicht beim Namen nennen darf, machte vor, wie man auch ohne größere Verkehrsregelübertretungen durchs Leben kommt. Brettert er da mit seinem Benz am Wilhelmsplatz vorbei. Alle Fußgänger bleiben angstvoll am Rand stehen, nur ich setze meine Füße starren Blickes auf den Zebrastreifen. Quietsch - Vollbremsung - passt ja. Quietsch - Beschleunigung - Quietsch - Vollbremsung - Abbiegung rechts - quietsch - Beschleunigung - quietsch - Vollbremsung - Paketauto - warten - doppelquietsch - Höchstbeschleunigung - doppelquietsch - satte Vollbremsung - alter Parkplatzausfahrer usw. Hätte die Grünphase zehn Sekunden später begonnen, hätte ich (Fußgänger) ihn vor der Ampel Bismarckstraße eingeholt. Und beim Autothema fällt zwangsläufig der Blick auf die avisierte Blaue Plakette. Wie man sich die Windschutzscheibe immer schon mit Lichttestergebnissen vollkleistern konnte, treten seit einigen Jahren die nichtsnutzigen Plaketten an deren Stelle. Jetzt käme die erste, die wirklich Sinn macht. Und dann quakt der Schnellmerker vom Verkehrsmysterium los: aber dann könnten ja 13 Millionen Autos nicht mehr in die Stadt fahren! Klar, darum geht es doch. Nie wieder müsste ich mich mit meinem alten aber sauberen Wagen von irgendwelchen Benz-Bazillen bei der Parkplatzsuche stören lassen. Eigenartig, dass so ein sinnvoller Vorschlag ausgerechnet von der Umwelttucke kommt; weniger eigenartig, dass er offensichtlich nicht abgestimmt war.

Der mit den Ohren, der mit den Ohren. Ich kann diese sinnlosen Lobhudeleien über einen der größten Schaumschläger der jüngeren deutschen Geschichte nicht hören. Anstatt den Kerl stillschweigend unter die Erde zu bringen, wird in Nachrufen gelogen, dass sich die Balken biegen. Bis in die Achtziger war Deutschland ein zwar sehr spießiges, aber sehr solides Land - niemand könnte denken, dass sich daraus in Windeseile die heutige Abschaum-dominierte Gesellschaft entwickelt hat. Klar ist, dass das geistige (?) Leitbild von Qualle Qol Pot (der gerade durch seine Kommentare und seine Privatbesucher zeigt, was er von Zivilisation und Demokratie hält: alles Bimbes) und seinen beiden Nachfolger kam. Klar ist, dass dieser Prozess in einem exakt definierbaren Augenblick von Schrempp (genau der, der mit seinem Spezi Zetzsche, der heute große Reden schwingt, im Gegensatz zu den belächelten Italienern von Fiat zu dämlich war, etwas Sinnvolles mit Chrysler anzufangen) unumkehrbar gemacht wurde. Aber wer hat das Tor dazu geöffnet? Exakt, der mit den Ohren, als er Helmut Schmidt, unserem letzten aufrechten Politiker, sinngemäß das Messer in den Rücken gesemmelt hat. Und von so was musten wir uns jahrelang als Außenmini vertreten lassen - damit begann auch gleichzeitig die Verzwergung unseres Außenmysteriums.

Im Gegensatz zu den Panama Papers, die einflussreiche Antagonisten recht schnell aus den Titelseiten unserer Medien katapultieren konnten, ist das Erdogan-Thema weiterhin omnipräsent. Dass eine Gestalt wie das mutmaßliche Inzestopfer, der eh nicht intelligent genug ist, um Satire zu begreifen, und dem sowohl der Böhmermann als auch der Erdogan am Arsch vorbei gehen, die politische Lichtgestalt des 21. Jahrhunderts lediglich als Vehikel benutzt, um in seinem Ausländerhass die Türkei lächerlich zu machen, ist eine Sache. Dass er daraus sogar noch Kohle zieht, spricht für den moralischen Zustand seines Berufstands. Aber dass auch die Zonentucke sich hier jetzt mit Vehemenz produziert, gibt der Angelegenheit eine besondere Note. Ich dachte erst, auch ihr geht es darum, die Türkei und ihren Präsidenten ins Lächerliche zu ziehen und nebenbei die im Grundgesetz garantierten Freiheiten mit der Axt zu demontieren. Ausgerechnet Kubicki brachte uns aber auf die richtige Fährte: sie will die Justiz als Dritte Kraft ausschalten. Indem sie gleichzeitig die Justiz beauftragt, sich darum zu kümmern, und sagt, sie wird die entsprechenden Gesetze eh außer Kraft setzen, macht sie die Justiz mit zwei Sätzen so lächerlich, wie alle Satiriker insgesamt es nicht könnten. Im Berufsleben würde man von Mobbing in Reinkultur sprechen. Dabei wäre das gar nicht nötig. Behauptete da doch gerade ein lächerliches Richterlein im Gegensatz zu dutzenden seiner Kollegen bei früheren ähnlich gelagerten Fällen, Schwarzfahren sei dann kein Delikt im Sinne des StGB, wenn man einen Zettel vorlegt "Ich fahre schwarz" (sinngemäß)! Dann würde ja der Ausruf "Ich mach Dich tot!" bei einem Mord dasselbe bewirken, da dann ja die Heimtücke fehlt. Was tummeln sich da für kranke Säcke in der deutschen Richterschaft? Anderes Beispiel: Wirtschaftsprozesse. Beim Mannesmann-Prozess erinnere ich mich noch an die beiden Staatsanwälte. Der Typ, der immer drauflos grunzte, zeigte durch seine Körpersprache: "Ich will zu meiner Mama!" Der andere: "Was mach ich hier eigentlich? Worum geht es eigentlich?" Dass in der Quintessenz keine Strafwürdigkeit festgestellt wurde mit der idiotischen Begründung, dass selbst die Rechtsberater der Protagonisten (angeblich) nicht mehr durch den Gesetzeswust blickten, hat zu keinerlei Konsequenzen geführt. So ist unsere Justiz in Mittäterschaft mit unseren Politikern: dumm herum lallen, aber keine Konsequenzen ziehen. Ganz abgesehen davon, dass hier von der Sache her zwar etwas Kohle unters Volk gebracht wurde, aber eine strafbare Handlung nur von Schwachsinnigen unterstellt wurde (s.o.), hätte die Konsequenz nur sein können: Gesetze entrümpeln. Und steuerliche Nichtanerkennung der Lohn- und Beratungskosten der involvierten Anwälte als Betriebskosten, da es sich ja augenscheinlich um Liebhaberei gehandelt hatte. Oder jetzt der aktuelle Deutsche Bank-Prozess. So dilettantisch vorbereitet, dass man schreien will. Kann passieren. Komisch nur: ausgerechnet bei so einem Prozess. Aber richtig pervers ist, wenn die Staatsanwaltschaft nicht begreift, wenn der Zug abgefahren ist, und seit Wochen auf meine Kosten nur noch Dünnschiss, der selbst den Richtern zu widerlich ist, produziert. Aber damit werden wir wohl leben müssen. Und dann die Typen, die -genau, wie ich es prophezeit hatte - die Weiterverbreitung der Wallraffschen Erkenntnisse über Krankenhäuser und Pflegeheime bestimmter Ketten verbieten. Und zwar - quasi im Vorgriff auf TTIP - u.a. mit der Begründung, dass dem wirtschaftliche Interessen entgegen stehen würden. Schon interessant, dass jetzt schon die Menschenwürde hinter die Interessen einiger Saftsäcke zurück treten müssen. - Eine Sache fällt mir zu den Panama Papers doch noch ein. In den Jahren, wo ich als seriöser Bankier in Hamburg tätig war, hatte ich immer über die Hochnäsigkeit der Kollegen von Berenberg geschmunzelt. Als ob die sich beim Wichsen auf der Betriebstoilette selbst noch mit "Sie" anreden würden. Alles Schein, wie sich jetzt herausstellte. Hier wurden wohl die Briefkastenfirmen bis zum Exzess genutzt. Damit hätte meine Oma auch Kunden satte Gewinne garantieren können. Wo man hinschaut, nur Lug und Betrug.